Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Dichtungsvermögen. Begriff desselben. § 45. 
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nen Menschen in einem absolut vollkommnen Staate. Daß das Vermögen der 
sinnlichen Dichtungen kein anderes als die Einbildungskraft sei, ist von selbst 
klar. Die sinnlichen Dichtungen werden schlechtweg Dichtungen oder auch 
Einbildungen genannt. So wie das Denken des Menschen, so hat 
auch die Einbildungskraft eine unendliche Sphäre, d. h. so wie jenes nur am 
Widerspruche stille steht, so kann auch diese dichten, was sie will, wenn die 
Dichtung nur eine Anschauung des Erdichteten zuläßt: ob die Dichtung den 
Anforderungen des Verstandes und der Vernunft entspreche, ist eine ganz andere 
Frage. Darum kann die Einbildungskraft, sowohl in den Dienst der Wahrheit 
als auch der Falschheit treten. So wie nämlich das sinnliche Dichtungsvermö¬ 
gen dazu dient, den Menschen gleichsam in eine andere Welt zu versetzen, abstrac¬ 
ten Begriffen und Grundsätzen Anschaulichkeit und Leben zu geben, das Reich 
der Wirklichkeit durch neue Erfindungen zu bereichern, insbesondere dem Menschen 
vermittelst der Kunst eine reichliche Quelle des reinsten Vergnügens zu öffnen: 
so ist auch kein Vermögen der Seele, wenn ihm die erforderliche Leitung man¬ 
gelt, mehr dazu geneigt, den Menschen mit Irrthum und Falschheit zu berücken 
und ihn in Kummer, Elend und Schande aller Art zu stürzen. So ist es nicht 
die objective Wirklichkeit, sondern es ist die Phantasie, welche uns Tugend und 
Sünde oft in einer der Wahrheit so ganz widersprechenden Weise zeigt, indem 
ie uns dort Mühseligkeiten, Anstrengungen, Entbehrungen vorspiegelt, welche 
sich bei ernster Wollens= und Thatkraft entweder als übertrieben oder als gar 
nicht vorhanden erweisen, hier aber bloß den Sinnengenuß vorstellt, aber hin¬ 
sichtlich der Verlegenheiten, Sorgen, Gewissensbisse, hinsichtlich des Elendes 
und der Schande, worein sie den Menschen stürzt, sorgfältig zu schweigen weiß. 
Aber auch Phantasievorstellungen werden nicht selten irrthümlich für inhaltslose 
Träumereien gehalten: als Fulton den ersten Gedanken eines Dampfschiffes 
aßte, wurde er von der Akademie der Wissenschaften in Paris für einen Rarren 
erklärt; und als Gray in London seine ersten Bemerkungen über eine allgemeine 
Eisenbahn in Europa drucken ließ, wurde er noch drei Jahre später (1821) in 
einem sonst nüchternen Zeitungsblatte als ein trunkener Schwärmer bezeichnet 
Das Dichtungsvermögen steht somit zwischen der Wahrheit und Falscheit gleich¬ 
sam in der Mitte, und es kommt darauf an, ob es sich durch Verstand und 
Vermunft leiten lassen will, oder ob es eine solche Leitung verschmäht. Ueber¬ 
haupt gibt es keine große wissenschaftliche Entdeckung, der nicht ein früheres 
obwohl unklares Gewahrwerden aus der Ferne, d. h. ein Aufssen mit der 
Phantasie vorangegangen wäre: darum ist auch die Phantase zur strengen Wi¬ 
enschaft nothwendig und selbst ganz abstruse Wissenschaften, 3. B. die Astrono¬ 
mie, kommen ohne Mithülfe dieses Vermögens nicht zu Stande. Keineswegs aber 
darf die Phantasie für das oberste Princip und die alleinige Quelle speculativer 
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Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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