Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Einbildungskraft. 
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nur die Einbildungskraft sein, weil hier ein Seiendes als ein Nichtseiendes, 
ein Anwesendes als ein Abwesendes vorgestellt wird: es wird aber die Einbil¬ 
dungskraft hier die schematisirende genannt, weil sie solche Vorstellun¬ 
gen schafft, die uns ihren Gegenstand nur in Umrissen oder im Schema zeigen 
und hinwiederum zum Schematismus, d. i. zur Versinnlichung unserer Vorstel¬ 
lungen, dienen können. Solche Vorstellungen, die uns ihren Gegenstand nur im 
Umrisse oder Abrisse zeigen, ohne ihn in seinen besondern Merkmalen zu erschö¬ 
pfen, heißen Gestaltbilder, von derjenigen Eigenschaft nämlich, die sich von 
keinem Körper trennen läßt und worunter man die gegenseitige Lage und Be¬ 
schaffenheit der Grenzen einer ausgedehnten Größe versteht. Eben darum ist auch 
gerade die Gestalt nebst der verschiedenen Modification derselben, d. i. die Fi¬ 
gur, in jenen schematischen Bildern vorherrschend. Darum werden auch solche 
Ausdrücke, die zur Versinnlichung dienen, Figuren genannt. Diese Gestaltbilder 
sind 1) unvollendete Bilder und zwar um so unvollendeter, je mehr Merk¬ 
male aus der sinnlichen Wahrnehmung verschwunden sind; 2) veränderliche 
Bilder, die bald in diesen, bald in jenen Verbindungen auftreten, darum auch man¬ 
nigfaltig ergänzbar sind; 3) individuelle Bilder, die, wenigstens in ihrer 
ersten Entstehung, auf bestimmte frühere Sinneswahrnehmungen hinweisen, übri¬ 
gens deren Gegenstände niemals erschöpfen. Doch haben diese Bilder an sich 
noch keinen geistigen Inhalt, sondern sie sind bloße Spiegelbilder der Natur, 
wobei besteht, daß der Geist (der Verstand) sich ihrer bemächtigen und ihnen 
einen geistigen Inhalt geben kann. Die Gestaltbilder sind zwar bei den verschie¬ 
denen Menschen verschieden, jedoch bei gesunder Auffassungskraft so ziemlich 
übereinstimmend. Solche Gestaltbilder gibt es für den äußern und für den in¬ 
nern Sinn und zwar gibt es Gestaltbilder von allen mit Bewußtsein wahrgenom¬ 
menen Gegenständen, welche sich unserm Geiste auch dann darstellen, wenn ihre Gegen¬ 
stände gegenwärtig nicht auf uns einwirken. Diese schematischen Bilder unterscheiden 
sich von den Vorstellungen der combinirenden Einbildungskraft dadurch, daß diese 
noch ganz mit einem sinnlichen Inhalte behaftet sind, sich in dem bezüglichen 
Gegenstande erschöpfen und nur auf diesen Beziehung haben, wogegen jene sich 
der Individualität weit mehr entäußern und schon in einem weit höhern Grade 
Einbildungen sind. Eine neue Bearbeitung finden die Gestaltbilder dann, wenn 
entweder zugleich oder kurz nach einander Vorstellungen in uns entstehen, welche sich 
entweder sehr ähnlich oder sehr unähnlich, eben darum der freien Thätigkeit der Ein¬ 
bildungskraft, welche diese Aehnlichkeit und Verschiedenheit zu beherrschen strebt, 
hinderlich sind. Hiedurch entstehen die Gemeinbilder, d. h. diejenigen sche¬ 
matischen Vorstellungen, welche auf mehrere Gegenstände zugleich Beziehung 
haben, und uns das Gleichartige und Ungleichartige derselben in allgemeinen 
Umrissen zu erkennen geben. In diesem Falle behandelt die Einbildungskraft die
	        
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