Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Die schematisirende Einbildungskraft. § 37. 
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durch Vervielfältigung einzelner anschaubarer Raum= und Zeittheile: aber 
es geschieht diese Vervielfältigung nicht im Anschauen, sondern nur im Den¬ 
ken, wenn wir anders hier noch denken und nicht bei bloßen Worten und 
Ziffern stehen bleiben. Die Steigerung dieser Vorstellungen bis zu denen eines 
unendlichen Raumes und einer unendlichen Zeit beruhet auf der bloß 
gedachten Möglichkeit einer unendlichen Anzahl von ausgedehnten und verän¬ 
derlichen Dingen, welche Möglichkeit höchstens ein Etwas für die Phantasie und 
den Verstand, aber ein Nichts für die Anschauung ist. Die Frage, ob nicht hin¬ 
ter aller Ausdehnung doch ein leerer Raum und nicht hinter aller Veränderung 
doch eine leere Zeit vorhanden sei, erscheint dann als sinnlos, wenn man sich 
unter Raum und Zeit entweder gar nichts denken kann, oder sich das Neben¬ 
einanderseiende und das Nacheinanderseiende selbst, nur in allgemeiner und for¬ 
maler Weise darunter denken muß, wenn also von Raum und Zeit hinter den 
objectiven Dingen eben so wenig Rede sein könne, als von Form und von Farbe, 
von Klang und Schall hinter dem Körper. Da, wo alle Ausdehnung und alle 
Veränderung aufhört, da ist nicht ein keerer Raum und eine leere Zeit, sondern 
da ist für das sinnliche Vorstellungsvermögen absolut Nichts: sind Raum 
und Zeit wirklich da, so sind auch Ausdehnungen und Veränderungen da. Die 
Frage selbst findet übrigens darin ihre Begreiflichkeit, daß die Vorstellungen 
des Raumes und der Zeit nun einmal unserem sinnlichen Vorstellungsvermögen 
einverleibt sind, und daß sich für den Gedanken der Ausdehnung und Verän¬ 
derung keine positive Grenze ziehen läßt. 
II. Die schematisirende Einbildungskraft. 
In Beziehung auf den Stoff der sinnlichen Vorstellung. 
§ 37. 
Nach vollendeter Thätigkeit der combinirenden Einbildungskraft entstehen 
nicht selten gewisse unvollständige Vorstellungen, in welchen uns der Gegen¬ 
stand nicht als ein durchaus bestimmter, im Ganzen und in seinen Theilen un¬ 
terschiedener vorliegt, sondern uns bloß in allgemeinen, mehr oder minder aus¬ 
geprägten Umrissen, Abrissen, Grundzügen oder Stellungen vorschwebt. Einen 
olchen Schattenriß hat z. B. das Kind, wo es längere Zeit in die Anschauung 
eines ihm unbekannten Thieres vertieft gewesen ist und nun einem andern Gegen¬ 
stande sich zuwendet. Dieses geschieht insbesondere dann: a) wenn die Vorstel¬ 
lung sehr überladen ist; b) wenn die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand nach¬ 
laßt; c) wenn die Seele unvermögend ist, die ganze Vorstellung des Gegenstan¬ 
des in der Anschauung festzuhalten. Das hier wirkende Vermögen kann offenbar 
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Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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