Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Erster Absatz. 
Die Einbildungskraft in Beziehung auf gegenwärtige 
sinnliche Vorstellungen 
oder: 
Die combinirende und die schematisirende Einbildungskraft. 
I. Die combinirende Einbildungskraft. 
In Beziehung auf den Stoff der sinnlichen Vorstellungen. 
1. 
§ 35. 
In unsern Gesichts= und Gehörvorstellungen ist oft weit mehr enthalten, 
als die augenblickliche Wahrnehmung liefert, oder auch nur liefern kann. So 
haben wir die Vorstellung eines ganzen Hauses, welches sich unmöglich auf ein¬ 
mal auf der Netzhaut abspiegeln kann; eben so vereinigen sich Tonvorstellungen 
mit einander, die ganz gewiß durch mehrere Zwischenzeiten getrennt sind. Bei 
den übrigen äußern Sinnen, wenigstens beim Riechen und Schmecken, findet sich 
dieses nicht, weil diese Sinne von der einen Seite nur Subjectives, von der 
andern Seite nur Einfaches liefern, das mit den andern Empfindungsvorstel¬ 
lungen kein Ganzes ausmacht, wohl aber findet es sich bei dem Tastsinne, we¬ 
nigstens in Verbindung mit dem Gesichtssinne. Etwas Aehnliches findet sich 
auch beim innern Sinne, da nämlich, wo sich eine Menge an sich getrennter, 
uccessiv eintretender Zustände gleichsam zu einem einzigen Zustande vereinigt, 
wie dieses z. B. bei einem zusammengesetzten Gefühle, bei einem Begehren oder 
Wollen der Fall ist. Es muß somit ein Vermögen der Seele geben, welches die 
einzelnen getrennten Sinneindrücke, die sich auf denselben Gegenstand be¬ 
ziehen, aufsammelt, die früheren und späteren Eindrücke der Seele ge¬ 
genwärtig hält, diese Eindrücke aneinander legt, mit einander verbin¬ 
det, zu einem Ganzen ordnet und so zur Einheit der Vorstellung bringt. 
Diese Einheit erhält die Vorstellung schon durch die sich selbst überlassene 
Einbildungskraft allein, doch kommt die Einheit im strengern Sinne in 
die Vorstellung erst dann, wenn sich das Vorstellende selbst im stren¬ 
gen Sinne als Einheit, d. i. als beharrliches Substrat und causales Prin¬ 
cip aller seiner Erscheinungen, d. h. als Ich findet. Und zwar kann dieses 
hier (innerlich bildende) Vermögen nur die Einbildungskraft sein, indem ja 
nur die Einbildungskraft anschauliches Vermögen eines Abwesenden ist. Das 
Bewußtsein bezeugt auch, daß die Einbildungskraft in dieser ihrer Wirksamkeit 
durchaus an die Leitung des Sinnes gewiesen ist, daß sie sich dieser Leitung nicht 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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