Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Bewußtsein. Erfordernisse desselben. § 30. 
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eigenen körperlichen oder geistigen Zustände, besonders wenn die Kenntniß der¬ 
selben nur dunkel und unbestimmt ist, wie sie das gewöhnlich ist. Dadurch ge¬ 
schieht es, daß Mancher sich einbildet, krank zu sein, ohne es zu sein, und diese 
Einbildung ist oft schlimmer, als die Krankheit selbst und hat nicht selten zum 
Wahnsinn geführt. Aengstliches Aufmerken auf sein äußeres Betragen in der 
Gegenwart Anderer macht verwirrt und verlegen; ängstliches Aufmerken auf 
das Urtheil Anderer über uns raubt der Seele die Ruhe und Selbstständigkeit. 
Endlich gehört noch hieher 3) eine einseitige Uebung oder eine relative 
Vernachlässigung der Aufmerksamkeit, die sich oft bei speculativen Köpfen 
findet, wie von Kant erzählt wird, er sei in seinem Alter nach eigenem Ge¬ 
ständnisse nicht mehr im Stande gewesen, ein fremdes philosophisches Buch mit 
Aufmerksamkeit zu lesen. 
II. 
Das Bewußtsein. 
1. Erklärungen und Erfordernisse des Bewußtseins. 
§ 30. 
Ist die Aufmerksamkeit auf den betreffenden äußern oder innern Gegenstand 
eine hinlänglich starke, und wird der Gegenstand von dem beschauenden und bemer¬ 
kenden Vermögen wirklich erreicht und ergriffen, so erfolgt auch regelmäßig derjenige 
Zustand in uns, welchen wir Bewußtsein nennen. Unter Bewußtsein verstehen 
wir dem Worte nach den Zustand des Wissens, bezüglich des Bewissens. 
welcher Zustand offenbar nur in einem Sein möglich ist, so daß man unter 
Bewußtsein auch ein solches Sein verstanden hat, welches ein Wissen, bezüglich 
ein Bewissen hat. Das Bewußtsein schließt zweierlei in sich ein: ein Wissen und 
ein Bewissen. Unter Wissen verstehen wir im gewöhnlichen Sprachgebrauche 
jede nothwendige Erkenntniß, d. i. jede Erkenntniß durch sinnliche oder auch durch 
apriorische Anschauung. Da nun die Erkenntniß durch sinnliche oder auch durch 
apriorische Anschauung unter allen Erkenntnissen die klarste und deutlichste 
ist, und wir überdies die so entstandene Erkenntaiß für die zuverlässigste Er¬ 
kenntniß halten: so wird begreiflich, weshalb man auch im abgeleiteten 
Sinne a) jede klare und deutliche Erkenntniß, b) jede gewisse und zuverlässige 
Erkenntniß ein Wissen nennt. Das Wissen legen wir uns aber nicht bloß dann 
bei, wenn wir gegenwärtig einen Gegenstand sinnlich wahrnehmen, sondern 
auch dann, wenn wir ihn früher sinnlich wahrgenommen haben und die Vor¬ 
stellung des sinnlichen Gegenstandes gegenwärtig der Erinnerung anvertraut ist. 
woher der Ausspruch: tantum scimus, quantum memoria tenemus. Zur 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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