Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Aufmerksamkeit. Begriff derselben. § 25. 
können wir sehr füglich entbehren, auch verstehen wir unter dem Sinn schlecht¬ 
weg nur den äußern. 
Die Thätigkeit des innern Sinnes ist ihrer Natur nach durch zwei Stücke 
bedingt, nämlich: 1) durch Hinrichtung des bemerkenden Vermögens auf das, 
was in uns ist und geschieht; 2) durch das Wahrnehmen oder Gewahrwerden 
dessen, worauf das bemerkende Vermögen gerichtet ist, als eines innern Zustan¬ 
des, und zwar als eines bestimmten solchen. Die vorzügliche oder gar aus¬ 
schließliche Hinrichtung des bemerkenden Vermögens des Geistes auf einen Ge¬ 
genstand heißt Aufmerksamkeit; das Wahrnehmen eines Gegenstandes, nicht 
etwa bloß als eines Gegenstandes überhaupt, sondern als eines bestimmten 
heißt Bewußtsein. Aufmerksamkeit und Bewußtsein sind zwar in einem 
gewissen Sinne zu allen psychischen, insbesondere jedoch zu allen höhern geisti¬ 
gen Thätigkeiten nothwendig: darum stehen sie auch vorzüglich unter der Lei¬ 
tung des Geistes, darum finden sie sich auch bei einem geistlosen Wesen nur in 
einem höchst untergeordneten Grade. Nur durch sie wird ein planmäßiger Ge¬ 
brauch aller unserer Kräfte, eine systematische Ordnung in unserm Denken und 
in unserm Handeln, überhaupt jede höhere Ausbildung des Menschen für Wis¬ 
senschaft sowohl, als für Sittlichkeit möglich. Die Lehre von der Aufmerksamkeit 
und dem Bewußtsein findet somit hier ihre passendste Stelle. 
I. 
Die Aufmerksamkeit. 
A. Die Aufmerksamkeit im Allgemeinen. 
1. 
Begriff. 
§ 
25. 
Die beständig auf uns einwirkenden äußern Reize einerseits, und die 
unaufhörlich in uns erfolgenden Veränderungen andererseits würden der Seele 
in jedem Augenblicke eine ganz veränderte Richtung ertheilen und sie keinen 
Gegenstand in seiner Eigenthümlichkeit erkennen lassen, wenn es nicht ein Ver¬ 
mögen des Geistes in uns gäbe, wodurch wir im Stande wären, gewisse auf 
uns gemachte Eindrücke genauer zu fixiren, sie stehend zu machen, sie von andern 
auszuscheiden, sie in ihrer Individualität zu betrachten, und so zu einer mehr als 
gewöhnlich klaren und deutlichen Vorstellung derselben zu gelangen. Dieses Ver¬ 
mögen heißt Aufmerksamkeit und darunter verstehen wir im weitern 
Sinne jede vorzüglichere Hinrichtung des Wahrnehmungsvermögens auf einen 
Gegenstand: im engern Sinne bedeutet sie das Vermögen des Geistes, die 
beschauende Thätigkeit einem äußern oder innern Objecte vorzugsweise oder 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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