Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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1. Theil. Die Lehre vom Geiste. 
Zweiter Absatz. 
Der innere Sinn. 
Allgemeines. 
§ 24. 
So wie wir durch den äußern Sinn die Erscheinungen außer uns 
wahrnehmen, so nehmen wir durch den inneren Sinn die Erscheinungen in 
uns wahr. Dahin gehört z. B. unser Sehen und unser Hören, unsere 
Freude und unser Leid, unser Denken und unser Wollen, überhaupt all un¬ 
ser psychisches Thun und Leiden. Damit aber etwas in der That Gegen¬ 
tand des inneren Sinnes sei, dazu ist erforderlich: 1) daß es wirklich und 
zwar gegenwärtig in der Seele vorhanden sei; 2) daß es unmittelbar d. i. 
durch sinnliche Wahrnehmung als in uns seiend erkannt werde. So ist 
nicht das Ich oder die Außenwelt selbst Gegenstand des inneren Sinnes, son¬ 
dern nur unsere Vorstellung davon und was wir außerdem von der 
Wirklichkeit des Ich und der Außenwelt wissen, das wissen wir darüber nicht 
durch Wahrnehmung, d. i. unmittelbar, sondern nur mittelbar und zwar durch 
Schluß. Unter dem Worte innerer Sinn verstehen wir 1) gleichsam einen 
Platz oder einen psychischen Raum, auf welchem die innern Vorgänge sich 
ereignen und die wir dann vermittelst eines höhern darüber schwebenden Auges 
betrachten: doch verstehen wir darunter auch 2) ein psychisches Ereigniß 
selbst und zwar eine psychische Thätigkeit, welche zur Entstehung aller unserer 
inneren Zustände nothwendig ist und vorangegangen sein muß, ehe und 
bevor die innern Vorgänge auf jenem Platze oder psychischen Raume zum Vor¬ 
cheine kommen können. Die Wirksamkeit des inneren Sinnes ist somit eine dop¬ 
pelte, eine bloß beschauende und eine causale oder verursachende, und 
es kann diese verursachende Thätigkeit wiederum Gegenstand der beschauenden 
Thätigkeit des inneren Sinnes werden. Die causale Thätigkeit des inneren Sin¬ 
nes ist aber nicht eine solche, daß der innere Sinn die inneren Vorgänge selbst 
bewirkte, sondern es werden diese Vorgänge, wenigstens sofern sie selbst¬ 
bewußte sind, von dem Geiste gewirkt und dem inneren Sinne gehört hier 
nichts mehr, als die Vorstellung und Wahrnehmung d. i. die augenblick¬ 
liche Vergegenwärtigung jener inneren Vorgänge in der Form ihrer Zuständlich¬ 
keit an. Hiemit ist der Widerspruch gehoben, den man in der Annahme eines in¬ 
nern Sinnes finden will und der darin bestehen soll, daß es schon innere Ob¬ 
jecte und einen innern Sinn geben müsse, bevor es noch innere Objecte und einen 
innern Sinn gibt. Unter dem innern Sinne verstehen wir also nichts mehr als 
die Repräsentation unsers geistigen thätigen oder leidenden Wirkens in seiner je¬
	        
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