Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Vereinigung der äußern Sinne. § 23. 
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stand unter dem Bilde eines Tones oder Geruches sich vorzustellen. Der ge¬ 
meinsame Name also, unter welchen alle sinnlichen Gegenstände gebracht werden 
ist die Gesichtsvorstellung, und erst dadurch, daß wir uns die durch andere 
Sinne vorgestellten Gegenstände als sichtbare denken, werden sie uns ver¬ 
ständlich. Und so werden denn die Gesichtsvorstellungen die Centralvorstel¬ 
lungen für unser gesammtes übriges Vorstellen, indem sie die regelnden Mit¬ 
telpunkte sind, um welche alle unsre übrigen Vorstellungen sich ansammeln und 
herumlagern, und wir nicht eher uns beruhigen, als bis wir zu den Empfindungen 
der übrigen Sinne auch die des Gesichts hinzugefunden haben. So schon im 
gewöhnlichen Leben: das bloße Hören eines unbekannten Redners genügt uns 
nicht, sondern wir wollen ihn auch sehen; eben so glauben wir den Wohlgeruch 
einer duftenden Blume nur halb zu genießen, wenn uns der Anblick derselben ent¬ 
zogen ist. Darum nennen wir auch die Außenwelt das Sichtbare schlecht¬ 
weg. Wo der Gesichtssinn fehlt, wie bei dem Blindgeborenen, da geschieht diese 
Einigung, so gut es angeht, vermittelst des Tastsinnes. Der Grund aber, weshalb die 
Gesichtsvorstellung der gemeinsame Nenner aller unserer sinnlichen Vorstellungen ist 
liegt, abgesehen von den besondern Vorzügen dieses Sinnes, schon darin, daß die 
allgemeine Verbindung unserer verschiedenen Sinngebiete der Raum ist, und die 
Raumvorstellung gerade der Gesichtsvorstellung am nächsten liegt. So wie nun 
der Gesichtssinn es ist, auf welchen der Verstand alle Empfindungen der übri¬ 
gen Sinne zurückzuführen strebt, so haben es auch die auf äußerer Sinnesthätig¬ 
keit fußenden Wissenschaften nur mit dem Gesichtssinne zu thun. Die allgemeine 
Form, in welcher uns die Objecte der äußern Welt erscheinen, ist Gegenstand 
der Mathematik; die in der sichtbaren Welt vorfindlichen Objecte bilden den 
Gegenstand der Naturbeschreibung; das Sichtbare und das Schwere ist 
der Hauptgegenstand der Physik, dem sich freilich auch sowohl das Hörbare 
insofern anschließt, als es unter dem Schema der Bewegung gedacht wird 
(Akustik), als auch das Schmeckbare und Riechbare insofern sich zugesellt, als es 
sich dem Sichtbaren und Tastbaren anschließt (Chemie). Ohne diese Vereinigung 
der einzelnen Sinngebiete zu einer einigen Außenwelt müßte uns die Welt im 
buntesten Wirrwar erscheinen und ein ewig sich verwandelndes Chaos für uns 
sein; ohne sie würde es nicht allein so viele Welten geben, als es Sinne gibt 
sondern jedes Ding würde verschiedene Welten bilden, je nachdem es nach 
männigfachen Beziehungen hier sowohl diesen, als jenen Sinn afficiren kann 
und je nachdem es den Sinn jetzt so, jetzt anders afficirt, 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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