Full text: Hug, Gallus J.: ¬Die christliche Familie im Kampfe gegen feindliche Mächte

keinen Mann und keine Ehe dachte, sondern Gott sogar
die Jungfräulichkeit gelobte. Wie nun die hochheilige
Dreifaltigkeit dies Wunderwerk der Gnade sah, hielt sie
nach unserer Anschauung gleichsam Rath, und Gott der
Vater sprach zu seinem Sohne: ‘„Siehe, diese Jungfrau
schön! Die ganze Herrlichkeit der Gnade und der natür-
lichen Schöne habe ich ihrer Seele und ihrem Leibe mit-
getheilt, so viel bei einem Geschöpfe nur möglich ist: sie
hat durch ein Gelübde ihren Leib und ihre Seele mir
geschenkt, beide für immer rein und jungfräulich zu erhalten.
Siehe, die Fülle der Zeit ist gekommen, wo du als
Menschensohn auf der Welt erscheinen sollst, um die
Menschheit zu erlösen; diese Jungfrau soll deine Mutter
sein, daß du durch die Ueberschattung des hl. Geistes aus
und in ihr Mensch werdest!“’

So sprach Gott der Vater.

‘„Ich bin bereit, war die Antwort des Sohnes, und
schrecke nicht zurück vor dem Schooße dieser gnadenreichen
Jungfrau.“’
‘„Und ich will sie überschatten, sprach der hl.
Geist, damit das ewige Wort aus der Jungfrau geboren
werde.“’
‘„Nun bleibt noch eine Sorge, begann wieder der
himmlische Vater, du mußt als hilfloses Kind in die
Welt eintreten, das Geheimniß deiner Empfängniß und
Geburt aus der Jungfrau soll für viele Jahre verborgen
bleiben. Wo nun finden wir für deine Mutter einen
Mann, damit deine und ihre Ehre unversehrt bleibe?
Wo finden wir für die Jahre deiner Kindheit einen Nähr-
vater und Beschützer?“’

Was glaubt ihr wohl, mochten die zwei göttlichen
Personen Gott dem Vater antworten? ‘„Die Mutter deines
Sohnes, begann der hl. Geist, ist also meine Braut; ich
soll ihren Leib und ihre Seele so verklären, daß sie nach
der Geburt deines Sohnes eine unversehrte Jungfrau
ist, wie jetzt, wo sie die Freude der Engel geworden. Um
ihre Ehre vor den Menschen zu schützen, gib ihr einen
Mann – einen Jüngling, so keusch und jungfräulich, daß
er ihr zwar die eheliche Treue für immer gelobt als ihr
wirklicher Mann, aber so rein und himmlisch mit ihr lebt,
wie die Engel vor deinem Angesichte wandeln. Nicht bloß
seine Seele sei jungfräulich, frei von allen nur irgend wie
bösen Gedanken, sondern auch sein Leib sei mehr himm-
lisch als irdisch, mehr Verklärung als Fleisch, frei von
jeder Sinnlichkeit. Meine Braut sei im stillen Hause wie
auf der belebten Gasse, in der volkreichen Stadt, wie in
der einsamen Wüste, bei Tag und bei Nacht, so sicher, so
getrost, so ruhig bei ihm, als wäre der reinste Seraph
an ihrer Seite. Wo ist dieser Engel im Fleische? Ich
will ihm alle Gnadenschätze mittheilen, ihn erleuchten, daß
er das Geheimniß der Menschwerdung deines Sohnes
begreift, so weit es einem Menschen möglich ist.“’

Nicht wahr, so mochten die drei göttlichen Personen,
um nach unserer Anschauung zu reden, mit einander rath-
schlagen. Dann endlich sprach der Sohn Gottes: ‘„Wir
kennen ihn ja von Ewigkeit her diesen Sohn David's,
der nicht wie sein Ahnherr als König auf dem Throne sitzt,
sondern als Zimmermann sein Brod in der Werkstatt
verdient.“’

‘„Joseph ist sein Name, das heißt wachsender Sohn,
gewachsen ist sein Leib zur vollen Kraft und Schönheit des
Mannes, verklärt durch den Glanz vollendeter Jungfräu-
lichkeit; gewachsen ist seine Seele im Glauben an meine
Menschwerdung, in der Hoffnung auf die nahe Erlösung,
verklärt ist sie im Strahlenglanze aller Tugenden. Er
denkt zwar nicht bloß an keine Ehe, sondern hat das Ge-
lübde ewiger Jungfräulichkeit gemacht, aber gerade des-
wegen sei er der wahre Mann meiner jungfräulichen
Mutter und mein Pflegevater; wie ich vor dem Schooß
der Jungfrau nicht zurückschrecke, so schäme ich mich nicht,
vor den Menschen als der Sohn Josephs angesehen zu
werden.“’

Das nach unserer Anschauung der Rath und die
Entscheidung der heiligsten Dreifaltigkeit. Wohlan nun,
glaubet ihr an dieses Geheimniß? Warum denn so thö-
richt und so verblendet sein, als könntet ihr nach einer
Jugend voll Unschuld und Gottseligkeit nicht in den Ehe-
stand treten? Glaubet ihr aber nicht daran, so glaubet
ihr auch nicht an das Geheimniß der Menschwerdung des
Sohnes Gottes und könnet nicht selig werden.

Denn um selig zu werden, ist uns kein anderer Name
gegeben als der Name Jesus. Im Glauben an diese
Geheimnisse frage ich nun euch Alle: ‘„Kann eine Jung-
frau so rein, so himmlisch sein wie Maria?“’
Und doch
war sie für den Ehestand berufen. ‘„Kann ein Jüngling
so unschuldig und gottselig sein wie der hl. Joseph?“’
Und
doch war auch er für den Ehestand berufen und wurde
von Gott wunderbar hineingeführt.

Wie weit kommen wir doch in der Verwirrung aller
Begriffe, wenn wir die Geheimnisse der Religion nicht
mehr glauben oder nicht mehr beherzigen? Oder saget ein-
mal, wenn von diesen Jünglingen und Jungfrauen, welche den
Gottesdienst fleißig besuchen und die heiligen Sakramente
hie und da würdig empfangen , welche bei gründ-
licher Frömmigkeit die Freuden und Genüße der Welt
und die Eitelkeit des Gewandes fliehen, welche allüberall
in Unschuld und Ehrbarkeit des Leibes wandeln, – wenn
von diesen keine für den Ehestand berufen sind – welche
fürchterliche Aussicht für die Zukunft; aber auch welch'
trostreiche Hoffnung, wenn solche Jünglinge und Jung-
frauen einst Väter und Mütter werden, und in ihren
Familien die heilige Familie von Nazareth wieder auflebt!

Nein, solche Seelen gehören nicht Alle in's
Kloster oder in den ledigen Stand, bei weitem nicht; da-

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