Full text: Egger, Augustinus: ¬Der christliche Vater in der modernen Welt

muß eine feste sein, so daß keine Anfechtung
ihn erschüttern kann. ‘„Den Gerechten, der
unentwegt im Sinne beharrt,“’
so singt der
heidnische Dichter Horatius, ‘„bringt nichts
von seinem festen Entschlusse ab, weder der
Ungestüm des Volkes, welches etwas Un-
rechtes verlangt, noch die drohende Miene
des Tyrannen, noch der gewaltige Sturm,
der Herrscher des empörten Meeres, noch
der Blitz, der vom Himmel niederzuckt.
Wenn der Weltenbau zusammenstürzt, kön-
nen ihn die Ruinen bedecken, aber nicht
einschüchtern.“’

In ähnlicher Weise hat der alte Görres
in sich selbst den festen Charakter geschildert:
‘„Kein König ist reich genug, mir meine gute
Ueberzeugung abzukaufen; die Höfe haben
nichts, um mir dafür die Ruhe meines Ge-
wissens abzutauschen; die Unabhängigkeit
meines Geistes und die Unbescholtenheit mei-
nes Charakters, wenn sich auch Käufer dazu
gefunden, wäre mir um keinen Preis feil
gewesen. Ich beuge mich vor Gott und
seinem Willen, vor der Majestät der Wahr-
heit und Sittlichkeit, vor dem Rechte und
der Gerechtigkeit, aber nimmer vor der Will-
kür und rohen Gewalt, in welchen Formen
sie mir auch entgegentreten möge. Ob sie
drohend oder lockend, von oben oder von unten
an mich komme, ich werde ihr keinen Ein-
fluß auf meine Ueberzeugung gestatten. Da-
rum bin ich auch ganz unbesorgt, was die
Zukunft bringen möge.“’

Es ist eine bekannte und allgemeine Klage,
daß es heutzutage an Männern, d.h. an
Männern von Charakter fehle. Wenn diese
Behauptung auch nicht wörtlich zutrifft, so
ist doch die Zahl charaktervoller Männer viel
zu klein, um dem Verderben Einhalt zu thun,
welches immer drohender über den Staat
und alle Klassen der heutigen Gesellschaft
hereinbricht infolge der zunehmenden Cha-
rakterlosigkeit. Es ist auch leicht einzusehen,
warum das so kommt und so kommen muß.
Das Temperament ist angeboren, der Cha-
rakter muß gebildet werden, und nichts fehlt
so sehr in unserer Zeit, als die Charakter-
bildung, d.h. die sittliche Erziehung im Geiste
des Christentums, und zwar vorab bei der
männlichen Jugend.

Der Charakter des Mannes beruht auf
zwei Dingen, auf der Herrschaft des Geistes
über die Leidenschaften und Begierden und
auf dem Handeln nach Grundsätzen, d.h. in

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