Full text: Cramer, Wilhelm: ¬Der christliche Vater wie er sein und was er thun soll

Den vergnügtesten Abend brachte uns der Oster-
tag mit seinem Osterfeuer. Das Holz, Dornen und
Stroh wurde in den Zwischenstunden der letzten vier-
zehn Tage mit großem Fleiß und Eifer zusammen-
getragen und hoch aufgethürmt, damit man nach des
Vaters willen am Ostersonntage keine Arbeit mehr
damit habe. Sobald dann am Festtage die Oster-
eier verzehrt waren, brachen wir auf. Der Vater
nahm Gebet- und Gesangbuch, ich gewöhnlich den
Holzschuh mit Feuer, der Baumeister die Forke, der
Dieljunge kam gewöhnlich schwitzend mit einer aus-
gerissenen Bohnenstange nachgetrabt. Der wollte
auch das Seinige beitragen, daß unser Feuer recht
hoch brenne und seine Genossen an den nachfolgen-
den Tagen auf dem Schulwege darüber nicht spotten
könnten. Sobald die knisternde Flamme aufloderte,
ordnete der Vater die Kreisprozession an; er selbst
ging vorauf und stimmte das Lied: ‘„Christus ist auf-
erstanden“’
an und sonstige allgemein bekannte Oster-
lieder. Du hättest diese Feier mitmachen müssen,
lieber Leser! um dir eine Vorstellung von unserer
Freude und Erbauung machen zu können. Ich darf
versichern, daß ich später noch nie Ostern erlebt habe,
ohne recht lebhaft an diese Osterfreuden meiner Ju-
gend zurückzudenken und zu wünschen, noch einmal
wieder daran Theil nehmen zu können.

‘So sehr übrigens der Vater für angemessene Er-
holungen und Vergnügungen war, da er wohl wußte,
daß der Mensch ihrer bedürfte, und so sehr er daher
auch darauf bedacht war und es verstand, den Sei-
nigen auf die schönste Weise Erholungen und Er-
heiterungen zu bereiten, so war er doch nie ein Freund
von gewissen Lustbarkeiten, wie sie zur Zeit auf
Tanzböden, bei Hochzeiten oder in den Fastnachts-
tagen im Schwunge waren. Dennoch, obwohl er
der Ansicht war, daß auch die besten Tanzlustbarkei-
ten nicht viel taugen, trat er nicht unbesonnen und
heftig dagegen auf; vielmehr suchte er zuvor, so viel
an ihm war, die größte Gefahr derselben zu heben,
um nach und nach ganz abzubrechen.“’

Hören wir schließlich, wie es mit dem religiösen
Leben des vortrefflichen Vaters stand. Also berichtet
der priesterliche Sohn:

‘„In seiner Schlafstube stand ein weiß gescheuerter
Tisch mit einem großen Crucifixe, das er selbst aus
Kevelaer mitgebracht hatte. Ein Kniebänkchen oder Bet-
schemel stand nicht vor dem Tische, sondern er warf
sich mit den Knieen auf den steinernen Fußboden. Hier
betete er jeden Abend mit müden Gliedern, nachdem
er schon zuvor mit der ganzen Haushaltung das all-
gemeine Abendgebet in der Küche verrichtet hatte,
wenigstens eine starke Viertelstunde. Was seine Für-
bitte für Andere betrifft, so verdient bemerkt zu wer-
den, daß er immer ein besonderes Gebet für unsere
Gemeinde sprach, die ihm so sehr am Herzen lag.
Im Uebrigen war seine Betweise, wie er selbst, ganz
natürlich und ungekünstelt, und er war dabei so in
Andacht versunken, daß ihn dabei nichts stören konnte.
Seine Schlafstube hatte er mit den Bildern geziert,
die er zum Andenken von frühern Pfarrgeistlichen
erhalten hatte; jeder der fünf Pfarrer, welche er über-
lebte, hatte ihm einen werthvollen Kupferstich zum
Andenken gegeben. Auch daneben ein Weihwasser-
beckchen fehlte nicht; zwei sehr alte, vielgebrauchte,
aber gut erhaltene Rosenkränze, von denen er be-
hauptete, sie seien gegen hundert Jahre alt.’

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